Graviola – auch Stachelannone oder Guanabana genannt – ist eine Tropenfrucht aus Zentral- und Südamerika, die in der traditionellen Medizin seit Jahrhunderten bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt wird. In den letzten Jahren ist sie vor allem wegen möglicher krebshemmender Eigenschaften in den Fokus der Forschung gerückt.

Was die Wissenschaft zeigt

Laborstudien und Tierversuche haben gezeigt, dass Extrakte aus Blättern, Früchten und anderen Pflanzenteilen der Graviola bestimmte Krebszellen in der Zellkultur abtöten oder in ihrem Wachstum hemmen können. Als Hauptwirkstoffe gelten die sogenannten Acetogenine, die den Energiestoffwechsel von Krebszellen stören. Darüber hinaus werden der Pflanze antioxidative, entzündungshemmende und antimikrobielle Eigenschaften zugeschrieben.

Wichtige Einschränkung: Alle bislang vorliegenden positiven Ergebnisse stammen aus In-vitro-Studien (Zellkulturexperimenten) und Tierversuchen.

Graviola gegen Krebs – Was ist dran an den Behauptungen zur Krebswirkung?

In den letzten Jahren kursiert im Internet die Aussage, Graviola sei „10.000 Mal wirksamer gegen Krebs als eine Chemotherapie“. Diese Zahl stammt aus einer Laborstudie aus dem Jahr 1996, die im Journal of Natural Products veröffentlicht wurde und in der Acetogenine aus der Graviola in Zellkulturexperimenten eine starke zytotoxische Wirkung auf bestimmte Krebszellen zeigten. Eine weitere Studie von Torres et al. (2012) zeigte, dass ein Graviola-Extrakt den Zellstoffwechsel von Pankreaskrebszellen beeinflussen und deren Wachstum im Reagenzglas hemmen konnte.

Beide Studien sind wissenschaftlich interessant – aber ihre Ergebnisse werden im Internet regelmäßig missverstanden und übertrieben dargestellt. Entscheidend ist: Diese Untersuchungen wurden ausschließlich an Zellen im Labor sowie in Tierversuchen durchgeführt, nicht am Menschen. Was im Reagenzglas funktioniert, wirkt im menschlichen Körper häufig ganz anders – andere Dosierungen, andere Bioverfügbarkeit, andere Nebenwirkungen. Bis heute gibt es keine klinischen Studien am Menschen, die belegen, dass Graviola Krebs wirksam behandelt oder gar wirksamer als eine Chemotherapie ist.

Was bei der Anwendung zu beachten ist

Neben der eigentlichen Frucht werden auch die Blättern, der Stängel, die Wurzel und die Samen der Stachelannone angewandt. Da die Frucht jedoch schwer zu essen und zu verarbeiten ist wird diese in der Regel zu Tee, Saft oder Pulver weiterverarbeitet, so dass sowohl die Einnahme als auch die Dosierung einfach zu handhaben ist.

Der in der Graviola enthaltene Wirkstoff Annonacin steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für eine atypische Form des Parkinsonismus. Epidemiologische Studien aus der Karibik haben gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig und in größeren Mengen Früchte oder Tees aus Annonaceen-Gewächsen konsumieren, häufiger an schweren neurologischen Erkrankungen leiden. Bei dauerhafter oder hochdosierter Einnahme – insbesondere von Blättertees, Kapseln oder Extrakten – ist daher besondere Vorsicht geboten.

Graviola sollte nicht eingenommen werden von Personen mit neurologischen Erkrankungen, Schwangeren und Stillenden sowie in Kombination mit blutdrucksenkenden Medikamenten ohne ärztliche Rücksprache.

Unser Fazit

Graviola ist eine interessante Heilpflanze mit einem spannenden Forschungshintergrund. Wer sie als Ergänzung zu einer bewussten Ernährungsweise nutzen möchte, kann das in Maßen tun. Sie ist jedoch kein Wundermittel und ersetzt keine ärztliche Behandlung.

Autor: Jens Jakob, Inhaber & Diplom-Biologe, Spezialisierung Heilkräuter

Quellen:

Antikrebswirkung (In vitro & präklinisch): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6091294/

Sicherheit & Verträglichkeit (systematischer Review): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31659754/

Neurotoxizität / Annonacin & atypischer Parkinsonismus: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17017523/