Wer im Frühjahr durch Gebüsche oder an Waldrändern streift, kennt das Ergebnis: Die Kleidung ist übersät mit kleinen, grünen Früchtchen, die sich hartnäckig ans Gewebe heften. Verursacher ist das Klettenlabkraut, eines der verbreitetsten und anpassungsfähigsten Wildkräuter Mitteleuropas. Was im Alltag als lästig gilt, hat in der Naturheilkunde eine jahrhundertelange Tradition. Dieser Artikel beleuchtet, warum Galium aparine in der europäischen Volksmedizin einen so festen Platz eingenommen hat und was die Pflanzenkunde dazu zu sagen hat.

Galium aparine: Eine Pflanze der Ränder und Übergänge

Das Klettenlabkraut gehört zur Gattung Galium innerhalb der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae), einer botanisch überaus artenreichen Familie, zu der auch der Kaffeestrauch und die Waldmeisterpflanze zählen. Galium aparine ist in Europa so weit verbreitet, dass es kaum einen Naturraum gibt, in dem es nicht anzutreffen wäre. Seine Fähigkeit, an anderen Pflanzen emporzuklettern, macht es zu einem typischen Bewohner von Säumen, Hecken und Schuttflächen.

Der botanisch bemerkenswerteste Aspekt der Pflanze ist ihr Haftmechanismus. Stängel, Blätter und Früchte sind mit winzigen, hakenförmigen Borsten besetzt, die nach dem Prinzip des Klettverschlusses funktionieren. Lange bevor der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral im 20. Jahrhundert den Klettverschluss entwickelte, hatte die Natur dieselbe Lösung perfektioniert. Galium aparine nutzt diesen Mechanismus zur Ausbreitung seiner Früchte über Tierfell und Kleidung.

Inhaltsstoffe: Was die Forschung über das Klebkraut weiß

Das phytochemische Profil des Klettenlabkrauts ist eng verwandt mit anderen Galium-Arten, insbesondere mit dem Echten Labkraut (Galium verum) und dem Waldmeister (Galium odoratum). Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses stehen die Iridoidglykoside, allen voran Asperulosid. Diese Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe ist charakteristisch für die Rötegewächse und wurde in verschiedenen Zusammenhängen untersucht. Daneben enthält das Kraut Flavonoide mit antioxidativen Eigenschaften, Gerbstoffe, die adstringierende Wirkungen erklären, sowie Kieselsäure, die in der Volksheilkunde traditionell mit Haut und Bindegewebe in Verbindung gebracht wird.

Bitterstoffe tragen zum charakteristischen Geschmacksprofil bei und werden traditionell der Anregung der Verdauungstätigkeit zugeschrieben. Die Forschungslage zu Galium aparine ist im Vergleich zu intensiver untersuchten Heilpflanzen noch überschaubar, was weiteres Potenzial für künftige Studien bedeutet.

Klettenlabkraut in der europäischen Volksmedizin

Die volksmedizinische Tradition des Klettenlabkrauts reicht bis in die Antike zurück. Dioskurides beschrieb die Pflanze in seinem Werk „De Materia Medica“ und erwähnte ihren Einsatz bei verschiedenen Beschwerden. Im Mittelalter griff Hieronymus Bock, einer der bedeutendsten deutschen Kräuterkundigen des 16. Jahrhunderts, die Pflanze in seinem Kräuterbuch auf und beschrieb ihre harntreibenden Eigenschaften.

Ein wiederkehrendes Thema in der volksmedizinischen Überlieferung ist der Einsatz von Klettenlabkraut als Frühjahrskraut. In vielen europäischen Regionen hatte die Frühjahrskur mit ausleitenden Kräutern eine wichtige Funktion im Jahreszyklus. Klebkraut wurde dabei zusammen mit anderen klassischen Frühjahrskräutern wie Brennnessel, Löwenzahn und Schachtelhalm eingesetzt, um den Körper nach dem Winter zu „reinigen“.

Diese Tradition spiegelt ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit wider, das saisonale Anpassungen in der Pflanzenwahl einschloss. In neuerer Zeit hat Sebastian Kneipp und nach ihm Maria Treben die Bedeutung ähnlicher Labkrautarten für die Naturheilkunde betont, was zu einer Revitalisierung des Interesses an dieser Pflanzengattung geführt hat.

Klettenlabkraut Tee: Anwendung und Zubereitung

Der Bio-Klettenlabkraut Tee wird traditionell aus dem getrockneten Kraut zubereitet. Für einen Aufguss werden ein bis zwei Teelöffel des geschnittenen Krauts mit 250 ml heißem Wasser (ca. 80 °C) übergossen und zehn bis fünfzehn Minuten abgedeckt ziehen gelassen. Der Tee hat einen mild-grasigen, leicht herben Geschmack, der ihn angenehm trinkbar macht. In der Volksheilkunde wird Klettenlabkraut Tee bevorzugt im Frühjahr getrunken, wenn er als Teil einer mehrtägigen Frühjahrskur eingesetzt wird. Klassische Kombinationspartner für Kräuterteemischungen sind Brennnessel, Birkenblätter und Goldrute, also ebenfalls Pflanzen, die in der Volksmedizin als harntreibend und ausleitend beschrieben werden.

Die Teezubereitung aus Bio-Qualität stellt sicher, dass das Kraut frei von Pestizidrückständen ist, was bei einem Wildkraut, das auch an Feldrändern wächst, ein relevanter Qualitätsaspekt ist. Neben der inneren Anwendung als Tee wurde Klebkraut regional auch äußerlich genutzt: Aufgüsse fanden Anwendung bei leichten Hautirritationen, wobei diese Praxis der volksmedizinischen Überlieferung entstammt.

Klettenlabkraut und verwandte Arten

Die Gattung Galium ist artenreich und kann botanisch herausfordernd sein. Galium aparine ist von anderen Labkrautarten vor allem durch seine ausgeprägte Klebrigkeit und seine einjährige Wuchsform zu unterscheiden. Das Echte Labkraut (Galium verum) mit seinen gelben Blüten und das Waldmeister (Galium odoratum) sind artverwandte Pflanzen mit teilweise überschneidenden Inhaltsstoffen, aber eigenständigen Verwendungstraditionen. Für die Teezubereitung ist die korrekte Artbestimmung relevant, da die volksmedizinischen Anwendungsgebiete je nach Art variieren.traditionsreichen Pflanze.

Fazit

Das Klettenlabkraut ist eines jener Wildkräuter, an denen wir täglich vorbeigehen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Wer einmal verstanden hat, was hinter dem lästigen Klebeffekt steckt und warum diese unscheinbare Pflanze seit Dioskurides in der Kräuterliteratur auftaucht, sieht sie mit anderen Augen. Als jemand, der sich seit Jahren mit heimischen Heilpflanzen beschäftigt, schätze ich genau diese Kategorie: Pflanzen, die keine exotische Herkunft brauchen, um interessant zu sein.

Der Frühling ist die klassische Zeit für Klebkraut. Wer im März oder April durch Gebüsche streift und die ersten zarten Triebe entdeckt, kann sie frisch verwenden oder getrocknet als Klettenlabkraut Tee zubereiten. Die Frühjahrskur mit ausleitenden Wildkräutern ist eine Tradition, die ich persönlich für sinnvoll halte, auch wenn sie sich der modernen Evidenzmedizin teilweise entzieht. Manchmal ist überliefertes Erfahrungswissen ein guter Ausgangspunkt für eigene Beobachtungen.

Wie bei allen Kräutertees gilt: kein Ersatz für medizinische Beratung, aber ein lebendiger Zugang zu einer Pflanzenheilkunde, die tief in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelt ist.

Autor:
Christoph Lüneburg ist Geschäftsführer der Herbathek und seit über 15 Jahren in der Welt der Heilkräuter zuhause. Seine Texte verbinden wissenschaftliche Grundlagen & Praxis.

Quellen:

Phytochemisches Profil: Gesamtübersicht (Iridoide, Flavonoide, Gerbstoffe, Alkaloide):
Al-Snafi, A.E. (2018). Chemical constituents and medical importance of Galium aparine – A review. Indo American Journal of Pharmaceutical Sciences, 5(3), 1739–1744.
https://www.researchgate.net/publication/324520700

Volksmedizinische Verwendung, Wundheilung, antimikrobielle Wirkung – aktuelle Studie:
Dowlati Beirami, A. et al. (2024). Bringing back Galium aparine L. from forgotten corners of traditional wound treatment procedures. BMC Complementary Medicine and Therapies.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11267910/

Volksmedizinische Überlieferung / Dioskurides / Hieronymus Bock:
Dioskurides, Pedanius. De Materia Medica (ca. 77 n. Chr.), Lib. III.

Bock, Hieronymus. Kreütter Buch (1539/1551). Straßburg.

Frühjahrskräuter-Tradition / Kneipp / Treben:
Treben, Maria. Gesundheit aus der Apotheke Gottes (1980). Ennsthaler Verlag.